Fahnenflucht, borderpaki & Spuckschluck am 16.05.2015 im Speicher Husum

Geschrieben von smashy
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Flyer

„Schau mal, überall soll Mistwetter sein, aber an der See wird es schön!“, freute sich das fault1er, als er mir die Wetter-App unter die Nase hielt. „Freust du dich?“ „Hmh“, erwiderte ich, skeptisch ob der Zuverlässigkeit eines Wetterberichtes. Denn jeder, der schonmal in Husum – einer kleinen Stadt in Richtung Nordsee – war, wird mir Recht geben, dass einem dort IMMER die Perücke vom Kopf weht.

Nichtsdestotrotz, der Plan stand einmal: Zelten in Husum war angesagt, schließlich spielten Fahnenflucht auf.

In aller Frühe, also etwa gegen 8 Uhr, hechteten wir in Salzwedel samt Zeltausrüstung im Stechschritt Richtung Bahnhof, um dort festzustellen, dass der Zug 25 Minuten Verspätung haben wird. Grund: „Der Zug wurde zu spät bereitgestellt.“ Wtf? Trotzdem kamen wir am Hamburger Hauptbahnhof, den wir als Umstiegsbahnhof nutzen mussten, mit nur knapp 5 Minuten Verspätung an (wie hat der Zugführer das gemacht? oO), was uns eine pünktliche Weiterfahrt ermöglichte. Nach etwas über 4 Stunden Fahrzeit stiegen wir in Husum aus. Der Himmel war grau in grau, es regnete, teilweise in Strömen. Danke, toller Wetterbericht.

                                                                   

Wir versuchten möglichst trocken unsere Sachen zum nächstgelegenen Campingplatz zu bringen, aber man war zwangsläufig sofort durchnässt, sobald man unter freiem Himmel stand. Die nächste Schwierigkeit bestand wohl nun also darin, bei dem vorhandenen Sprühregen und Sturmböen das Zelt einigermaßen aufzubauen, was für einiges Gelächter sorgte. War bestimmt auch als Außenstehender lustig anzusehen. Nichtsdestotrotz „stand“ (man könnte auch sagen „flatterte im Sturm“) das Zelt relativ fix. Aber wo ist eigentlich die Luftpumpe für die Matratze? Aaaaah! Da schleppt man so ein schweres Ding stunden- und kilometerlang mit sich rum und kann es dann nichtmal nutzen?? Aber ich habe aus der Situation gelernt, dass man ruhig auch mal was vergessen kann, da einem andere manchmal weit besser helfen können, denn der Campingplatzangestellte pustete uns das Ding schließlich mit nem Kompressor auf. Ging auch viel schneller und leichter als mit der ollen Pumpe.

Nach einiger Zeit beruhigte sich der Regen endlich, sodass wir uns was Trockenes anzogen und uns aus dem Zelt wagten. Argwöhnisch beäugten wir noch einmal das Zelt, wie es mit dem Sturm ums Überleben rang und fragten uns, ob es heute Nacht nach dem Konzert wohl immer noch da stehen würde… Aber wir mussten es riskieren und begaben uns gegen 15 Uhr wieder in die Innenstadt dieses schönen kleinen Örtchens, Spaziergänge am Hafen inklusive. Ich finde, Husum ist eine wirklich schöne Stadt… und was uns besonders positiv auffiel: die Stadt ist bislang noch nicht von den überall bekannten großen Ketten (Restaurant zur goldenen Schwalbe und co.) heimgesucht worden. Zumindest sahen wir davon nirgendwo was, wo man das ja in sonstigen Städten an jeder Ecke hat.

Bei unserem Rundgang lernten wir auch gleich einen Teil des ortsansässigen bunten Gesindels kennen, die in der Fußgängerzone hockten. Nach kurzem Plausch gingen wir weiter. Etwa eine Stunde vor Konzertbeginn hatten wir wohl jede Straße dieser kleinen Stadt drei Mal abgelaufen, sodass es nichts mehr zu erkunden gab. Und da ich permanent unangebrachte Kleidung trage, fror ich schon wieder ordentlich, sodass wir in jeden Laden einkehrten, der zu dieser nachtschlafenden Uhrzeit (19 Uhr!) noch aufhatte – was nicht viele waren. Auf der Suche nach trinkbarem Bier erblickte uns erneut eine Zugehörige des bunten Gesindels und schleifte uns in die Sparkasse, wohin sich der Rest ihrer Rasselbande verzogen hatte. So vertrieben wir uns im schönen warmen Bankgebäude die letzte Stunde (schönen Gruß an dieser Stelle an Sarah [die restlichen Namen weiß ich nicht mehr!] und die anderen, falls ihr das jemals lesen solltet!) und machten uns auf in Richtung Speicher, den wir vorher natürlich ebenfalls schon geortet hatten.

Wie bei jedem guten Punkkonzert begann der Einlass mal wieder zu spät, sodass wir noch gute 20 Minuten vorm Eingang rumstanden, wo uns ein großer Zettel ankündigte, dass borderpaki ausfielen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich bei ner Band weniger der Eintrittspreis ein wenig senken würde, aber dem war am Ende nicht so. Nun denn. Trotzdem schade, wir hätten die gern gesehen.

Da sich hier alle untereinander zu kennen schienen, wirkten wir wohl wie eine kleine Sensation. Uuuh, Ortsfremde! So bekamen wir auch alsbald Besuch, der uns mit kuriosen 1. Mai-Geschichten unterhielt (ja, auch wenn wir nur nickten, ist uns trotzdem aufgefallen, WIE kurios und unglaubwürdig die Geschichten waren!). Im Speicher angekommen, machte der Laden sofort einen sympathischen Eindruck bei mir. Schon allein der fluoriszierende Stempel (an dem man nicht Tage später noch rumschrubben muss) und die kleine Eintrittskarte, die mich an schöne Freibadbesuche erinnerte, waren meine ersten Highlights… neben den ziemlich fairen Getränkepreisen, die ich wegen meiner sich anbahnenden Erkältung jedoch nicht zu nutzen vermochte. Aber auch sonst wirkte der Laden mit seinen Fachwerkbalken und seinen viel vorhandenen Sitzmöglichkeiten urgemütlich.

Das Konzert ging (meiner Erinnerung nach) pünktlich um 21 Uhr los. Als Supportband waren Spuckschluck angekündigt und erschienen, die mir beim ersten Lesen des Bandnamens schon positiv auffielen und sie mir daraufhin schonmal im Voraus anhörte, um abschätzen zu können, was mich erwartet. Ich glaube, der damaligen Konzertbeschreibung nach war dies als „Asi-Punk“ tituliert. Jedenfalls betraten dort 4 Junge Herren und eine Dame (am Bass) die Bühne. Zwei der Herren fungierten als Sänger, was durchaus positiv war, da sie sich ziemlich gut ergänzten. Rein textlich ging es wohl ums Mofa-Fahren und ihre Trinkfestigkeit, die sie auch während des Auftritts durch gelegentliche Saufpausen unter Beweis stellen wollten. Musikalisch war das Ganze „solide“. :D

Das Publikum war noch etwas verhalten, nur ein unerschütterlicher Herr…äh… „tanzte“ um sein Leben. Jedenfalls hatte die Band Humor und konnte alles sympathisch rüberbringen. Und ein schickes Shirt-Design (am winzigen Merchstand, bestehend aus CD, Shirt und kostenlosen Aufklebern) haben sie auch noch. Was will man mehr?

Die Pause über wurden wir erneut von einem Ortsansässigen unterhalten, der uns bescheinigte, wie „Punk“ es sei, so weit für ein Konzert zu fahren (wofür uns auch ein inoffizieller Preis verliehen wurde). Gleicher Mensch behauptete aber auch, dass Slime so „Punkrock“ seien, obwohl (oder weil?) sie mittlerweile so viel Geld für einen Auftritt wollen, dass der Speicher sich das nicht leisten könne (die Ausdrücke an dieser Stelle sind nicht von mir, sondern indirekte Zitate, nech?). Naja.

Kurze Zeit später kamen schließlich Fahnenflucht auf die Bühne. Ich, den Abend über ursprünglich etwas kränkelnd und deshalb recht angemüdet, war sofort wieder hellwach; stand doch dort eine meiner absoluten Lieblingsbands auf der Bühne. Mit einem ziemlich pompös wirkenden „Wer Wind sät…“-Intro inklusive Lichtshow begannen sie ihren Auftritt und lieferten eigentlich genau das, was man von ihnen erwartet. Allerdings: Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen dem Bekanntheitsgrad einer Band und ihren Ansagen bzw. Interaktionen mit dem Publikum? Bei Spuckschluck wirkte alles total familiär und locker, während plötzlich alles wieder total professionell, um nicht zu sagen distanziert, erschien, obwohl sie doch auf der gleichen Bühne standen. Schade eigentlich.

Jedoch schien bei der Band nun plötzlich auch das Publikum freizudrehen, wovon mir einige wenige – gelinde gesagt – ziemlich auf den Keks gingen. Wenn ich ein Slime- und ein Schlachtrufe-Shirt sehen will, gehe ich in ‘nen Nix-Gut-Shop. Also verpisst euch doch bitte vom Verstärker, danke!

Da es ja albumtechnisch schon wieder einige Zeit recht still um die Band geworden ist, wurden die allseits bekannten Lieder gespielt, wovon der Anteil der „Schwarzmaler“-Lieder leicht überwog, schätze ich. Aber auch ältere Lieder wurden gespielt. Ich kann mich an das Anfangslied nicht mehr 100%ig erinnern (hätte ich aber auch am gleichen Abend nicht mehr gekonnt), aber es wird „Bleib nicht stehen“ gewesen sein, da es ja irgendwie an das Intro drangehört. Weiterhin erinnere ich mich an Lieder wie „Meinetwegen Glas“, „Kleiner Terrorist“, „Für mein Land“ und „K.O.System“, bis hin zum vom Publikum permanent lautstark gewünschten Abschiedszugabelied „Ohne Ausweg“.

Nach etwas über ner Stunde war das Konzert kurz vor 0 Uhr vorbei, woraufhin wir dem ausderdose kommenden Rat von Irie Revoltes folgten: Allez! Das hieß, uns von allen kennengelernten Rabauken zu verabschieden und uns auf den Weg zu unserem kuscheligen Zelt zu begeben. Eine kalte und windige Nacht wartete auf uns (zum Glück hatte das Zelt dem Überlebenskampf wohl so lange standhalten können)… und ein frühes Aufstehen, um am Morgen vorm Zeltabbauen noch die See sehen zu können (wo natürlich Ebbe war), bevor wir uns zur vierstündigen Zugheimfahrt aufmachten. Konnte ja keiner ahnen, welchen Spaß uns einige hundert Bochumer (?) Fußballfans am Hamburger Hauptbahnhof noch bescheren sollten…